18 Jan 2016

Die Kreation einer Industrie: Tibetische Medizin, neoliberale Moderne und die Produktion von kulturellem Erbe in China

Vortrag im Kolloquium zur Medizin- und Wissenschaftsgeschichte, Justus-Liebig-Universität Gießen, Iheringstr. 6, 18:15-19:45

Martin Saxer

GMP factory in Tibet. Photo: Martin Saxer, 2009

In diesem Vortrag zeichne ich die Geschichte der Industrialisierung der tibetischen Medizin in China nach. Mit Chinas Aufnahme in die Welthandelsorganisation (WTO) im Jahre 2001 wurden „Good Manufacturing Practices“ zum obligatorischen Standard der Qualitätssicherung auch für die Herstellung tibetischer Arzneien erklärt. In der Folge mussten innerhalb weniger Jahre alle für den Markt produzierenden Produktionsstätten neu gebaut werden, was zu einer tiefgreifenden Veränderung der gesamten Praxis tibetischer Medizin führte.

Diese Geschichte einer unglaublich schnellen und von außen induzierten Industrialisierung wird vor dem Hintergrund dreier unterschiedlicher Stränge des chinesischen Projekts der Moderne erzählt – technokratische Modernisierung mit einem nationalistischen Dreh, selektive neo-liberale Reform, und die Produktion von kulturellem Erbe. Jeder dieser Stränge ist eingebettet in spezifische rhetorische Strategien und folgt bestimmten Vorstellungen von Entwicklung. Ich argumentiere, dass die Kreation einer tibetischen Medizinindustrie im neuen Jahrtausend an der Schnittstelle dieser drei Stränge zu begreifen ist und nicht, wie oft kolportiert, als Konflikt zwischen Tradition und Moderne.

Auf der Basis einer Analyse der Allianzen, Reibungsflächen und Chancen an dieser Schnittstelle gehe ich der Frage nach, was das für die tibetische Medizin als System von Wissen und Praxis bedeutet und wie diese drei Stränge die Arten und Weisen prägen, in denen tibetisches Medizinwissen ver- bzw. entortet wird und wie es in dieser spezifischen historischen Konstellation angeeignet, bestätigt und bewahrt wird.

Aufzeichnung

Der Vortrag is online auf YouTube verfügbar.

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